Bridge and / or Springboard: Sopron/Ödenburg, the Hungarian Border town's Role in Internal Migration after 1989
Eine Buchbesprechung von Mag. Michael Floiger



booksDer Beitrag in den "Mitteilungen der Österreichischen Geographischen Gesellschaft" 2017 wurde mit Spannung erwartet. Dies umso mehr, als einer der Autoren, Dr. Ferenc Jankó, Professor an der Soproner Universität, einer der besten Kenner der Stadtentwicklung und Stadtstruktur ist. Er verfasste im "Geographischen Jahrbuch Burgenland" Bd. 33, 209, die Artikel über die jüngere Stadtentwicklung und zusammen mit anderen auch den Beitrag über die wirtschaftliche Entwicklung der Stadt.

"Brücke und/oder Sprungbrett" ? Der Beitrag kann die Erwartungen leider nur zum Teil erfüllen. Das liegt aber wohl auch an der hohen Komplexität des Themas. Einige interessante Faktoren werden aber erstmals wissenschaftlich erforscht. Sopron - etwa 60 000 Einwohner - hat eine negative natürliche Bevölkerungsbilanz, wächst aber durch Zuzug aus ganz Ungarn trotzdem stark. 1980 bis 1990 war es lediglich ein Plus von 56 Personen, 1991 bis 2000 lag der Zuwachs bei 2154 Personen, 2001 bis 2011 bei 5639 Personen und 2011 bis 2015 erneut bei 2364 Personen. Besonders stark - jeweils mit über 1000 Personen - war die Nettozuwanderung in den Jahren 2008 und 2010. Seit der politischen Wende, mit dem EU-Beitritt und der Grenzöffnung, hat sich der Prozess der Binnenwanderung in die früher isolierte und stagnierende Stadt stark beschleunigt. Jeder Besucher sieht dies auch an den vielen Neubauvierteln, die sich bis weit in das Umland ausdehnen. Die Zuwanderer kommen aus allen Teilen Ungarns, früher hauptsächlich aus Transdanubien, heute verstärkt auch aus dem Nordosten des Landes.

Der interessanteste Teil der Studie betrifft die Erforschung der Motive der Zuwanderer. Die Methode freilich - Fragebogen, die im Internet über die Sozialen Medien ausgesandt wurden - ist problematisch. Dies wird von den Autoren auch eingeräumt. 782 Fragebögen wurden ausgewertet und damit lediglich 2,3 % der Einwanderer nach 2000 erfasst. Dieses Sample ist natürlich nicht repräsentativ. Es erfasst überproportional junge und gut ausgebildete Zuwanderer, 25 % davon mit Bachelor- und 20 % mit Mastergrad. 17,1 % der Befragten arbeiteten in Österreich. Von den vor 2009 gekommenen Personen waren 57 % unter 24, 26,6 % im Alter von 25 bis 34 Jahren. Sowohl nach der Ausbildung wie nach der beruflichen Qualifikation gibt es beträchtliche Unterschiede zwischen der Einwanderung vor und nach 2009. Der Anteil der Hochschulabsolventen nahm deutlich ab, der Anteil der weniger Qualifizierten nahm zu, von 3,8 % vor auf 15 % nach 2009. Nach den Motiven für ihre Zuwanderung befragt gaben 28 % an, in Ödenburg arbeiten zu wollen, 20,5 % kamen zum Studium und 31,4 % aus familiären Gründen. Besonders interessant ist der Anteil jener, die die Absicht haben, in Österreich zu arbeiten. Vor 2009 waren es 8,4 %, nach 2009 aber 25 %. Hier wird die Sprungbrettfunktion Ödenburgs besonders deutlich. 20 % der Zuwanderer vor 2009 und 29 % nach 2009 arbeiteten in Österreich. Erhoben und in einer Karte dargestellt wurden auch die Arbeitsorte in Österreich. Sie reichen vom überraschend stark vertretenen Nordburgenland über Wiener Neustadt und das südliche Wiener Becken und nach Wien, das eines der Hauptziele für Arbeitsmigranten ist. Es zeichnet sich deutlich die Entwicklungsachse Wien - Sopron ab.

Die Autoren räumen ein, dass einige interessante Fragen unbeantwortet bleiben mussten, so etwa das Problem der Integration der Zuwanderer in Sopron. Jedenfalls scheint nicht jede Übersiedlung die Erwartungen zu erfüllen, die Mobilität ist groß, es gibt auch viele Rückwanderer. 
Ebenfalls unbeantwortet bleiben die Auswirkungen auf den Wohnunsmarkt. Die Preise für Wohnungen in Sopron sind relativ hoch, die qualifizierten und in Österreich besser verdienenden Pendler können sich die besseren Wohnungen leisten und verdrängen die Alteingesessenen, die die Zuwanderung nicht nur positiv beurteilen. Ebenfalls nicht angesprochen, in der Soproner Gesellschaft aber heftig diskutiert wird die starke Zuwanderung aus den unterentwickelten Landesteilen im Osten und in Siebenbürgen. Dadurch entsteht auch ein Druck auf den Arbeitsmarkt, zumal einfache Industriearbeitsplätze, aber auch Arbeitsplätze im niedrigqualifizierten Dienstleistungsbetrieb ohnedies knapp sind. Immer wieder wird im Gespräch mit Ödenburgern auch auf die soziale Problematik der Zuwanderung hingewiesen, etwa auf die Überbelegung der nicht sanierten Altstadtviertel, die leichte Verslumungstendenzen aufweisen (z. B. in der Fischergasse und in der Wolfser Gasse).

Eine Aufgabe der österreichischen Seite wird es sein, das räumliche Verhalten der Arbeitsmigranten zu erforschen. Es bleibt ja nicht beim Einpendeln. Es wirdoft schon von einer bipolaren Lebensweise mit einem zweiten Wohnsitz in Österreich abgelöst und endet vielfach in der endgültigen Einwanderung. Es liegen hier Verhaltensweisen vor, die man von der Entwicklung des burgenländischen Pendlerwesens gut kennt. Zwar kennt man die Zahlen der gemeldeten ungarischen Arbeitnehmer. Es sind etwa 11 000 Personen. Unbekannt ist hingegen die Zahl der in informellen Bereichen sporadisch oder saisonal arbeitenden Einpendler, etwa als landwirtschaftliche Saisonarbeiter, Aushilfen in Haus und Garten, in der Gastronomie usw.

Wie wird diese Entwicklung langfristig das Selbstverständnis der Stadt Sopron und seiner Bewohner ändern? Wird Ödenburg wieder zu einer zweisprachigen Stadt?

Éva Kiss, Ferenc Jánko, Eszter Mikó, Laura Bertalan: Bridge and / or Springboard: Sopron/Ödenburg, the Hungarian Border town's Role in Internal Migration after 1989. Mitteilungen der Österreichischen Geographischen Gesellschaft, Band 159/2017, S.199 - 220
 

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