Der am 10.5.2005 verstorbene, europaweit bekannte evangelische Theologe, Karl Pröhle, stammte aus einer berühmten, hoch gebildeten, deutschen evangelischen Familie.
 
Sein Onkel, Wilhelm Pröhle, beherrschte mehr als 45 Sprachen. Alle Pröhles spielten in der evangelischen Kirche eine bestimmende Rolle. der vorbildiche, tolerante Geist seiner Vaterstadt, Ödenburg, prägte das ganze Leben von Karl Pröhle. Diese wichtige geistige Bildungsstätte des ungarländischen Luthertums spielte eine entscheidende Rolle dabei, dass auch er den Geistlichenberuf wählte.
 
Der 1911 geborene studierte zum Teil in Tübingen und Königsberg, wirkte dann als Geistlicher im Bauerndorf Kiek/Kéty in der Tolnau, im Seniorat Tolnau-Braunau-Schomodei, wo es insgesamt 68 evangelische, meistens deutschsprachige, Kirchengemeinden gab. Die Gottesdienste in dieser Gemeinde hielt er in deutscher Sprache. Ab 1939 verbrachte er 13 Jahre als Pfarrer in der deutschen Gemeinde Wandorf/Sopronbánfalva, wo er die soziale Not der Arbeiterschaft, die Arbeitslosigkeit, die traurigen Folgen der nationalistischen Propaganda und dann auch die Ernüchterung, die Einbeziehung der Deutschen in den Krieg, erlebte. Mit Wandorfer Humor schrieben sie mit Kreide an die Waggons: "Wir alten Affen sind die neuen Waffen".
 
Am meisten erschütterten Pfarrer Pröhle und die Wandorfer die Vertreibung, als am Karfreitag 1946 über 2.000 Personen in drei Transporten ausgesiedelt wurden. Pröhle hielt in Wandorf auch nach der Vertreibung Gottesdienste in deutscher Sprache, indem er sich an das lutherische Prinzip der Muttersprache hielt. Er befolgte die Weisung Luthers:
 
"man muss die Mutter im Hause, die Kinder auf der Gasse, den gemeinen Mann auf dem Markt darum fragen und denselbigen auf das Maul sehen, wie sie reden und danach dolmetschen, so verstehen sie es denn und merken, dass man Deutsch mit ihnen redet".
 
Er wurde dann bald Professor an der Theologischen Akademie in Ödenburg, die 1951 nach Budapest übersiedelte.
 
Dr. Karl Pröhle unterrichtete jahrzehntelang an der Universität, war daneben Verfasser zahlreicher Lehrbücher, lehrte oft sieben Fächer, war aber auch Schriftleiter evangelischer Zeitschriften und Generalsekretär des ökumentischen Rats der Kirchen in Ungarn. Pröhle unterrichtete auch noch mit weit über 80 Jahren in physischer, geistiger und seelischer Frische. Er war der letzte evangelische Polyhistoriker in Ungarn und zählte sicherlich zu den markantesten Gestalten des ungarländischen Lutthertums.
 
Quelle: "Der Bote" 1/2006