„Die Stadt (Ödenburg) ... behielt ihren deutschsprachigen Charakter bis zum zweiten Weltkrieg ...unabhängig von allen Umwälzungen im kulturellen Leben des Königreiches Ungarn sprach die Ödenburger Bevölkerung weiterhin deutsch. Sie mögen vielleicht in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts das ungarische Theater besucht und ungarische Literatur gelesen haben, gründeten jedoch deutschsprachige Vereine und informierten sich im Bereich der Wirtschaft und Politik aus deutschsprachigen Zeitungen ...“ (41)Quelle/Hinweis:
Boronkai, Szábolcs: Bedeutungsverlust und Identitätskrise. Ödenburgs deutschsprachige Literatur und Kultur im 19. Jahrhundert. Wechselwirkungen 2. Bern 2000

Grete Maar beschreibt in ihrer Geschichte Ödenburgs in Anlehnung an die Forschungen Zoltan Horvaths (In: Burgenländische Forschungen, Sonderband VII, 1984, S. 162–187) recht treffend:
„Ehen zwischen den Schweinehändlern waren häufig, aus geschäftlichen Gründen. Die Geschäfte konnten nur in Barzahlung abgewickelt werden. Eine hohe Mitgift stärkte das Familienkapital. Als Felix Pfeiffer Maria Baumgartner heiratete, brachte die Braut 100.000 Ft. in bar mit. So heirateten aus den erwähnten Familien sechs Personen Mitglieder ihrer Branche.

Die magyarischen Zuwanderer setzten sich vor allem aus zwei sozialen Gruppen zusammen. Die eine waren Lohnarbeiter, die in den Fabriken Arbeit fanden – Tätigkeiten, die weder von den alteingesessenen Wirtschaftsbürger- und Handwerkerfamilien der Stadt noch von den Bauern der Stadtdörfer angenommen wurden. Die andere sollte sich als weit wichtiger erweisen. Es waren magyarische und besonders stark magyarisch gesinnte Beamte, Militärs (Honved), Lehrer, die zu einem beträchtlichen Teil jener Schicht der ungarischen Gesellschaft entstammten, die man gerne die „Gentry“ nennt, also Kleinadelige, die im Verlauf des 19. Jahrhunderts in eine prekäre wirtschaftliche und gesellschaftliche Situation gekommen waren und außer den Stolz auf ihre Herkunft nichts aufzuweisen hatten.

abb 1921_stadtplan_800x590Die demographische Entwicklung, das Bevölkerungswachstum durch Zuzug, die wirtschaftliche Umstrukturierung, vor allem aber die Entfaltung des bürgerlichen Geistes im "liberalen Zeitalter", der die neuen kommunalen Aufgaben auch in Ödenburg schon sehr früh und sehr beherzt zu lösen versuchte, veränderten natürlich auch stark Bild und bauliche Struktur der Stadt. Stadtmauern und Stadtgraben wurden immer mehr zum Hindernis für die räumliche Entwicklung.

 Schon ab 1750 wurde am Stadtgraben, den man zuschüttete, eine neue Häuserzeile errichtet. Damit erhielt die der Innenstadt zugewandte imposante, barockisierte Häuserfront der Vorstädte ein Gegenüber. Dazwischen lag die Ringstraße, die „Grabenrunde“, die im 19. Jahrhundert immer mehr zum wirtschaftlichen Zentrum wurde. Die Innenstadt mit ihren Palais und alten Bürgerhäusern war für die Repräsentationsbauten, die nun entstanden, zu beengt, verlor an Bedeutung und blieb so Gott sei Dank weitgehend erhalten. Die äußere Stadtmauer wurde – bis auf wenige Überreste – abgerissen.

abb18abb20Die gesamte moderne Entwicklung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts konzentrierte sich also auf den Westen der Stadt, wobei die beiden Bahnhöfe, der Südbahnhof und der Raaber Bahnhof, die Kristallisationskerne waren. In Richtung Bahnhöfe wurden neue Straßenzüge und Stadtviertel angelegt, etwa an Stelle des alten evangelischen Friedhofes, der verlegt werden musste. Aufmerksamkeit verdient vor allem die Kossuth - Straße, die zum heute stillgelegten Südbahnhof führte. Hier stehen schöne Villen inmitten von prächtigen Gärten. Man sagt, dies wäre die erste Gartenstadtgasse im ganzen damaligen Ungarn gewesen.

(46)Quelle/Hinweis:
Mit dem Druck der Dissertation des gebürtigen Ödenburgers und Germanisten Scabolcz Boronkai liegt uns seit einigen Jahren ein hervorragender Überblick über das literarische Geschehen im Ödenburg des 19. Jahrhunderts vor.
Literatur: Boronkai, Szabolcz: Bedeutungsverlust und Identitätskrise, a.a.O
Schneider, István, Burgenländische Heimatblätter 2/2006
Im 19. Jahrhundert vollzog sich zunächst allmählich, gegen Jahrhundertende immer rascher der Prozess, der aus der deutschen Bürgerstadt eine magyarisch dominierte Stadt machte. Ein erster Magyarisierungsschub erfolgte in der Zeit des Neoabsolutismus nach der gescheiterten Revolution (Bach-Ära). Damals wurde Ödenburg zum Mittelpunkt eines der fünf neu geschaffenen Verwaltungsdistrikte und die Hauptstadt der westungarischen Komitate Ödenburg, Wieselburg, Raab, Eisenburg, Vesprem, Zala, Somogy und Baranya. Der Distrikts-Obergespan hatte seinen Sitz in der Stadt.

Das Jahr 1848 war auch an den Ödenburger Schulen zunächst eine Zeit der nationalen Euphorie, wobei sich besonders die Schüler des Lyzeums hervortaten. Da die Schüler den Unterricht kaum mehr besuchten, wurden Ferien angeordnet. Am 5. April wurde eine Schülerversammlung abgehalten und ein in ungarischer Sprache verfasster Flugzettel mit dem Titel „Reformwünsche im Ödenburger Evangelischen Gymnasium“ verfasst. Das Flugblatt war in einem sehr scharfen Ton gehalten. Es forderte zur Herauslösung der Schule aus dem evangelischen Konvent und damit aus der Kirchengemeinde, die ja auch die Kosten trug, auf. Die Schule sollte dem Distrikt jenseits der Donau unterstellt werden.

Zu dieser Zeit war die Einwohnerschaft noch immer mehrheitlich deutsch. Diese Zahlen beweisen am besten, wie sehr die höheren Schulen ein Instrument der Magyarisierung waren. Die Chancen, mit deutscher Muttersprache eine entsprechende Karriere in der Verwaltung oder im Bildungswesen zu machen, waren gering. Auch die beiden Kirchen konnten und wollten sich dieser Tendenz nicht entziehen. Eine der schlimmsten Konsequenzen dieser Entwicklung war, dass die Söhne und Töchter der deutschen Ödenburger die höheren Schulen mieden und damit keine eigene Intelligenzschicht ausbilden konnten. Ein Teufelskreis, der in den 1930er-Jahren durchbrochen wurde, als viele Deutschödenburger ihre nationale Identität nicht mehr verleugnen wollten und sich dem deutschnational geprägten Volksbund der Deutschen in Ungarn zuwandten.

Ödenburg weist eine faszinierende Kontinuität in seinem fünfhundertjährigen Theaterleben auf, die von mittelalterlichen Laienschauspielen über das berühmte Theater des evangelischen Gynasiums, die aufwändigen und spektakulären Vorstellungen des Jesuitenkollegs bis zum frühen regelmäßigen Theaterbetrieb seit dem 18. Jahrhundert reicht. 1716 traten erstmals Berufsschauspieler auf, 1754 spielte eine Theatergruppe in der Trockenmühle (Ochsenmühle) beim Hinteren Tor. Diese wurde 1769 zum Theater ausgebaut und von Stefan Dorfmeister ausgemalt. 1779 war Kaiser Josef II. bei einer Aufführung anwesend.

Eine äußerst interessante Persönlichkeit war Therese Maria von Artner (1772–1829), deren Familie einer in Ödenburg lebenden evangelischen Offiziersfamilie entstammte. Anscheinend war sie aber nicht mit der alteingesessenen Ödenburger Patrizierfamilie Artner verwandt.

Auch von Király fühlte sich der deutschen Kultur noch eng verbunden - trotz seiner Loyalität zu Ungarn. Das war eine Haltung, die die nationalmagyarische Seite nicht mehr verstand. Dazu Boronkai sehr treffend: „Die Fremdsprachigkeit war aus der ungarischen Literatur schon längst verbannt, in der kleinbürgerlichen Stadtkultur Ödenburgs bestand aber noch kein Gegensatz zwischen der Deutschsprachigkeit und dem ungarischen Patriotismus der Einwohner. Überreste dieser Einstellung konnten sich bis in die Zeit des „Anschlusskampfes“ um das Burgenland und bis zur Ödenburger Volksabstimmung halten und beeinflussten deren Ausgang entscheidend.

Es wäre verantwortungslos, in diesen kursorischen Überblick über die Geschichte des alten Ödenburg auch noch die Ereignisse zwischen 1918 und 1946 pressen zu wollen. Es gibt schon genug verkürzte Darstellungen, die den Anschlusskampf, die Zwischenkriegszeit und die Vertreibung und damit den Untergang des alten Ödenburg auf ein Niveau reduzieren, das der Komplexität des Geschehens in keiner Weise gerecht wird. Noch immer herrscht in vielen Darstellungen der Ereignisse vom Frühjahr 1918 bis Herbst 1921 die Polemik vor. Das ist nicht weiter verwunderlich, denn es ist äußerst schwer, die Verhälnisse in der Stadt zu beschreiben und die vielfältigen Motive, die die handelnden Personen und Gruppen bestimmten, zu erfassen.

Mit diesen wenigen Andeutungen zur Komplexität der Vorgeschichte und der Geschichte der Volksabstimmung soll abschließend kurz auf die Zwischenkriegszeit und die Vertreibung eingegangen werden. Die Zwischenkriegszeit brachte den wirtschaftlichen Niedergang der auf drei Seiten isolierten Stadt. „Das sterbende Ödenburg“ wurde die Stadt auf österreichischer Seite, nicht ohne ein bisschen Schadenfreude – genannt. Versuche, eine Lösung etwa in der Form einer Zollbefreiung oder einer Zollfreizone zu finden, wurden in Budapest kategorisch abgelehnt. Nur der Schmuggel blühte.