abb16Die Stadt reichte im 18. Jahrhundert allerdings noch immer nicht über die äußere Stadtmauer hinaus, wenn man von den Meierhöfen und Wirtschaftsgebäuden absieht, die vor der Stadtmauer wieder aufgebaut worden waren. In der Raaber und Wolfser Vorstadt hatte sich die Verbauung verdichtet. Neu angelegt wurde das Gässchen beim Vorderen Tor, an der Stelle von Vorwerkbauten. Die sägezahnartig angeordneten Häuser lassen vermuten, dass der Verteidigungszweck noch immer eine Rolle spielte.

 

Die südliche Gassenzeile fiel allerdings im ausgehenden 19. Jahrhundert dem Bau des neuen Rathauses zum Opfer. Hier stand auch die Kapelle des Hl. Johann von Nepomuk, die man in die Löwern (Löver) versetzte. Das Hintere Tor fiel der Erweiterung im 18. Jahrhundert zur Gänze zum Opfer. Hier entstand eine neue Gasse. 1773 wurde an der Ecke zur Grabenrunde das schöne Rokokohaus der Apothekerfamilie Herbst gebaut (Apotheke zur Goldenen Krone), ihm gegenüber befand sich im 19. Jahrhundert der bekannte Spezereihandel „Zum Schwarzen Elefanten“.
 Ein großes Problem war der Stadtgraben, in den ja noch immer die Abwässer flossen. Die Stadt bemühte sich, den Stadtgraben sauber zu halten. Schon im 17. Jahrhundert gab es zwischen Stadtmauer und Stadtgraben Bretterbuden und Zelte, die im Fall einer Belagerung rasch abgebrochen werden konnten. Anfang des 18. Jahrhunderts konnten die Grundstücke von sehr unterschiedlicher Größe gekauft werden. Mitte des 18. Jahrhunderts begann man damit, die Außenseite der inneren Stadtmauer zu verbauen und den Graben zuzuschütten. Die Verkaufsbuden wurden bald durch Häuser ersetzt. Hier entstanden prächtige Geschäftslokale. Leider haben die Bomben des Zweiten Weltkrieges große Lücken gerissen. So erhielt die Grabenrunde, deren äußere Seite ja mittelalterlich ist, ein Gegenstück. Die Stadtmauer blieb größtenteils erhalten und ist heute ein unschätzbar wertvolles touristisches Kapital. Nur vereinzelt wurden, etwa beim Bau der evangelischen Kirche und bei der Erweiterung der Innenstadt im 19. Jahrhundert, auch die Teile der Stadtmauer abgerissen.

 

Auch die Vorstädte wurden im 18. Jahrhundert stark barockisiert, auch hier blieb aber oft der mittelalterliche Kern der Häuser erhalten, zum Teil mit kunsthistorisch äußerst wertvollen Details, etwa Balkendecken oder Wandmalereien aus dem Spätmittelalter und der frühen Neuzeit. Die Wiener Vorstadt mit ihrem Zentrum in der Michaelergasse war eines der Wirtschaftsbürgerviertel. Auch die Kirchen, die Michaelerkirche, die uralte, aus dem 12. Jh. stammende und vielleicht noch ältere Jakobskapelle, die Heiligengeistkirche und die Kirche der Johanniter wurden barockisiert, ihre alte Inneneinrichtung entfernt, die Kirchenräume von Barockkünstlern, etwa von Stefan Dorfmeister in der Heiligengeistkirche, neu ausgemalt und mittelalterliche Wandmalereien vielfach übertüncht. Das sollte, wie hier gleich vorweggenommen wird, im 19. Jahrhundert schwerwiegende Folgen haben, als vor allem die Familie Storno sich austobte und den „alten Zustand“ im „historisierenden“ Stil „rekonstruierte“, tatsächlich aber wenig Rücksicht auf die alte Substanz nahm und etwa bedenkenlos alte Fresken „ergänzte“. In Sankt Michael etwa wurde die barocke Einrichtung etwa 1863 bis 1866, anlässlich der Renovierung, wieder entfernt. Die Johanniterkirche und das Ordenshaus gelangten in den Besitz der Jesuiten, die aber bald in die Innenstadt wechselten. Das Colleum (von Collegium) wurde als Wirtschaftsgebäude genutzt, die Kirche stark vernachlässigt. 1890 wurde die Kirche von Franz Storno dem Jüngeren „restauriert“, tatsächlich aber ganz nach seinem „Geschmack“ umgestaltet. Das Colleum gelangte an das Domkapitel und wurde schließlich in ein barockes Wohnhaus umgebaut.

 

abb17Städtebaulich interessant ist die ehemalige Sandgrube, der Verkehrsknotenpunkt der Wiener Vorstadt und das Töpferviertel. Die Töpfereien mussten auf Anordnung des Stadtrates 1726 aufgelassen werden, da große Brandgefahr bestand. An der Stelle der Sandgrube entstand der Adlerplatz (heute Sas-tér), nach dem Ende des 18. Jahrhunderts dort errichteten Wirtshaus „Zum Schwarzen Adler“. In der nahen Eisgrubgasse befand sich lange die städtische Eisgrube. Die Rosengasse und ihre Fortsetzung, die Heiligen Geist-Gasse, sind geprägt durch mittelalterliche, später barockisierte Wirtschaftsbürger- und Handwerkerhäuser.

 

Dies gilt auch für die Wolfser Vorstadt, die noch heute den Charakter einer ländlichen, fast dörflichen Siedlung widerspiegelt. Das kann man besonders schön in der Schlippergasse und in der Fischergasse sehen. Vereinzelt wurden auch dort die alten Häuser ersetzt. Ende des 19. Jahrhunderts entstand etwa das Zettl-Langer-Haus im romantisierenden Stil. Es gehört heute noch der Familie Zettl und beherbergt deren berühmte Privatsammlung.
Etwas „städtischer“ wirken Teile der Raaber Vorstadt, etwa die Goldschmiedgasse (Ötvös-utca) die frühere Silbergasse. Auch hier sei die bauliche Entwicklung bis in das 19. Jahrhundert gleich vorweg genommen. Es entstanden vereinzelt auch große Häuser des Besitzbürgertums, etwa das Haus des Großhändlers Gottlieb Wilhelm Edlinger an der Ecke Dominikanergasse – Königsstraße, ein prächtiges Barockpalais, das später in den Besitz der Familie Somogyi gelangte. Vor dem Raaber Tor entstand im Verlauf des späten 18. Jahrhunderts und vor allem im frühen 19. Jahrhundert der unregelmäßige Steinmetzplatz (Köfarago ter) mit einem kleinen Park. Hier baute der viel beschäftigte Architekt Georg Hild sein klassizistisches Wohnhaus.